Geldbörse, aus der wenig Kleingeld geholt wird

Armut ist kein Zufall

NRW-Sozialbericht macht deutlich: Armutsbekämpfung zeigt so gut wie keine Wirkung

Anlässlich der Vorstellung des Sozialberichts NRW 2020 nennt die Landesarbeitsgemeinschaft der nordrhein-westfälischen Wohlfahrtsverbände (LAG Freie Wohlfahrtspflege NRW), zu der auch der Paritätische NRW gehört, die Armutsentwicklung in Nordrhein- Westfalen „sehr besorgniserregend“. „Die Bemühungen der letzten Jahre zur Veränderung der Situation zeigen bisher praktisch keine Wirkung. Immer noch ist jeder sechste Mensch arm oder von Armut bedroht“, so Dr. Frank Johannes Hensel, Vorsitzender der LAG.

Unterstützung für Menschen in akuter und drohender Wohnungsnot

Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie warnen die Wohlfahrtsverbände vor allem vor einem weiter steigenden Anteil der Wohnkosten am verfügbaren Einkommen. „Das erzwingt für viele Menschen ein Leben am Existenzminimum“, so Hensel. Nötig sei hier ein „verbindlicher und regelmäßiger wohnungspolitischer Austausch von Ämtern, Vermietern, Immobilienfachleuten und Sozialverbänden in den Kommunen, um zeitnah preiswerten Wohnraum verfügbar zu bekommen und zu halten“. Menschen in akuter und drohender Wohnungsnot müssen nach Auffassung der Wohlfahrtsverbände mehr begleitende Unterstützung erfahren, damit Mietschulden reguliert und Wohnungsverluste abgewendet werden können. Land und Kommunen müssten den sozialen Wohnungsbau wirkungsvoller fördern.

Bildungs- und Teilhabepaket schützt kaum vor „Armutsfalle“

Die Armutsentwicklung, so LAG-Vorsitzender Hensel, ließe sich ablesen an nicht auskömmlichen Hartz IV-Sätzen, am großen Niedriglohn-Bereich, den sehr ungleichen Bildungschancen und der sozialen Entmischung in Wohnquartieren. „Betroffene Kinder haben trotz des Bildungs- und Teilhabepakets kaum eine Chance, ihrer persönlichen Armutsfalle zu entkommen.“ Nach offiziellen Angaben lebt mehr als jedes fünfte minderjährige Kind in NRW in einem einkommensarmen Haushalt (22,6 Prozent).

Armutssensible Lernkonzepte gefordert

Um die Bildungsgerechtigkeit zu stärken, seien individuelle Unterstützung und armutssensible Lernkonzepte nötig. Hensel: „Schulunterricht ist nur dann wirklich erfolgreich, wenn es gelingt, möglichst viele Schülerinnen und Schüler mitzunehmen auf dem Weg zu den Lernzielen. Die Vermutung von allgemeinen Entwicklungsnachteilen durch eine pädagogische Orientierung an sozial benachteiligten und lernschwächeren Kindern darf den Bildungsgraben nicht immer weiter vertiefen.“

Armut ist kein Zufall

Hensel sieht die Politik in der Pflicht und kommt zu dem Schluss: „Armut ist kein Zufall, sie entwickelt sich vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Inkaufnahme. Einen anderen Rückschluss lassen die Ergebnisse des Sozialberichts NRW nicht zu.“ Die LAG Freie Wohlfahrtspflege hat sich mit einem eigenen Kapitel am Sozialbericht 2020 NRW beteiligt. Unter dem Titel „Armen eine Stimme geben“ kommen Betroffene zu Wort. Das Schwerpunktthema diesmal: die problematische Situation auf dem Wohnungsmarkt.



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